Lateinische Buchstaben sind die zentralen Motive des kreativen Schaffens von Gökhan Tuncyürek, die er seit 1988 v.a. mit Tinten und Sprühlacken auf alle zugänglichen Untergründe schreibt. Inspiriert dazu wurde er durch das New York Stylewriting, das in den frühen 1970er Jahren auf den Wänden und den Außenseiten der U-Bahnwagen der US-amerikanischen Metropole entstand und seitdem weltweit weiterentwickelt wird. KHAN ist Tuncyüreks künstlerisches alter ego. Zugleich ist diese Zeichenkombination auch das Motiv, mit dem er seine Passion für den Buchstaben bildhaft Ausdruck verleiht. Die Wahl des Namens erfolgte nicht zufällig. In ihm spiegelt sich der Geburtsname, die Tradition des Stylewriting als auch die kreative Persönlichkeit des Künstlers wider. Seit einigen Jahren arbeitet Tuncyüreks mit Holz und schafft raumgreifende Objekte. Sie sind als dreidimensionale Versionen seiner Wandbilder zu verstehen, mit denen er den Namen KHAN als Motiv visualisiert. Noch ist die Buchstabenkombination KHAN das zentrale Motiv seiner Holzarbeiten und die Wände ebenso die Träger derselben. Die Lösung von den Buchstaben und der Wand ist konzeptionell noch nicht gewünscht und reflektiert die Traditionen des Stylewriting, die der Künstler einstweilen in seinen Werken einfließen lassen will. 

Zeichen werden im Kontext des Stylewriting v.a. mit Farben auf die diversen Untergründe gemalt. Dreidimensional und plastisch ausgeführte Schriften entstehen vergleichsweise seltener. KHAN ist mit seinen Werken daher ein Vertreter einer Nischenbewegung innerhalb des Stylewriting, die Schrift auch raumgreifend darstellt. So wie viele seiner Mitstreiter_Innen, sucht auch er den Buchstaben dreidimensional und allansichtig zur Geltung zu bringen. Seine Objekte offenbaren daher auch den bereits früh formulierten Anspruch des Künstlers, formale, materielle und konzeptionelle Oppositionen zu entwickeln und umzusetzen. KHAN lebt mit seinen Holzarbeiten seine Vorliebe für das Handwerk aus. Seine Begeisterung für das Material und seine Bearbeitungs-möglichkeiten bricht sich Bahn in bewusst komplex gehaltenen Schriftobjekten. Die Naturbelassenheit des Holzes etwa ist beabsichtigt und ist visualisierter Ausdruck des alternativen Ausdruckswillens des Künstlers. Die Holzarten werden nach optischen und materiellen Faktoren selektiert und im Anschluss planvoll angeordnet. Die Maserungen der Hölzer soll die Dynamik der Strichführung der Zeichenanatomie zur Geltung bringen.

Gelenkt von den naturgegebenen Mustern der Hölzer wandert das Auge der Betrachter_Innen entlang der An- und Abstriche sowie der Brüche und Verbindungen der Zeichen, so dass die intendierten Energien und Rhythmen des Objektes nicht nur sicht-, sondern auch körperlich nachvollziehbar werden. Die plastische Arbeit verleitet den Künstler im Vergleich zu dessen gemalten Werken dazu, komplexere Zeichenkonstruktionen zu entwickeln und umzusetzen. Die Identifizierbarkeit der Zeichen wird dadurch erschwert. Ihre Lesbarkeit wird jedoch absichtlich hintangestellt, denn KHAN ist auf der Suche nach der freien und selbstreferenziellen Form, die er durch die stetige Abstraktion seines Namens bis hin zur endgültigen Gegenstandslosigkeit zu erreichen gedenkt.

Die Sinnhaftigkeit der Verwendung des natürlichen Rohstoffs für seine Werke rechtfertigt sich für KHAN auch auf einer weiteren Ebene. Er begreift das Material als eine Metapher für die Deutung des individuellen Seins. Es versinnbildlicht für ihn die angeborene Essenz eines Menschen, die, seiner Vorstellung gemäß, ebenso natürlich enthalten ist, wie im Holz. Geprägt durch berufliche und private Begegnungen mit Menschen verfestigt sich der Eindruck beim Künstler, dass die natürliche, angeborene Essenz unwillentlich durch Konformität, falsche Rücksichtnahmen oder andere Anpassungsfaktoren verdrängt wird. Infolgedessen leidet der Mensch zunehmend, da er Entfremdungsmechanismen wie etwa ein falsches Selbst entwickelt. Seiner Ansicht nach wird diese unnatürliche und pathologische Entwicklung durch das Leben des Menschen in urbanisierten Räumen und die in ihnen entwickelten und praktizierten gesellschaftlichen Normen motiviert. Die Holzobjekte reflektieren KHANS Auseinandersetzung mit der eigenen Entfremdung. Statt urbaner Materialien wie etwa Beton und Stahl, die KHAN als Beispiele einer immer unnatürlicher werdenden Lebenswelt begreift, modelliert er seinen Namen in Holz, um sich seines natürlichen Selbst zu vergewissern. Sie stellen eine mögliche Lösung des ontologischen Dilemmas dar, indem uns der Künstler verstrickt sieht. So begreift er sie als Beispiele eines möglichen Auswegs aus der Entfremdung, indem sie uns zu uns selbst zurückführen können.

2022 
Gruppenausstellung: "GHS Crew and the friends"
Kulturaggregat / Freiburg 

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